Opferanwalt

Der Opferanwalt

Die meisten Straftaten werden unmittelbar oder mittelbar durch Anzeigen aus der Bevölkerung den Strafverfolgungsbehörden bekannt. Aus Untersuchungen ergibt sich, dass in über 80 Prozent der Fälle die Opfer sich selbst die Schuld an ihnen begangenen Straftaten und damit den Anstoß für ein Ermittlungsverfahren geben.

Für die breite Öffentlichkeit mag es auf den erster Blick so erscheinen, als kämen die Interessen von Opfern krimineller Taten oft zu kurz oder werder nur unzureichend berücksichtigt. Mit Sicherheit muss die Stellung der Opfer weiterhin verbessert und gestärkt werden. Allerdings wäre es für viele Opfer schon hilfreich wenn sie die bestehenden rechtlichen Möglichkeiten, die durch Opferanwälte gegeben sind, in Anspruch nehmen würden.

So kann sich das Opfer bereits im polizeilichen Verfahren des Beistandes eines Rechtsanwaltes bedienen oder durch ihn vertreten lassen (§ 405 f Abs. 1 StPO).

Bereits zu diesem Zeitpunkt wird der Opferanwalt dem Verletzten zu einer Nebenklage gemäß § 406 h StPO nach den gesetzlichen Voraussetzungen raten, da wegen der schwachen Stellung des Zeugenbeistand (§ 395, § 406 g StPO) vorzuziehen sind. Dies muss auch nicht auf eigene Kosten des Opfers geschehen, denn für die Beiordnung des Anwalts kann grundsätzlich Prozesskostenhilfe beantragt werden.

Der Opferanwalt darf auch nicht nur als Rechtsbeistand gesehen werden. Er leistet auch menschlichen Beistand, begleitet zu Gerichtsterminen und übernimmt die Vermittlung von anderen Organisationen. Weiter hilft er auch beim Umgang mit Friedensangeboten des Täters, die sehr oft für das Opfer eine schwere seelische Belastung bedeuten. Natürlich erläutert der Opferanwalt auch die rechtliche Seite und erklärt dem Opfer den Verfahrensablauf.

Persönliche Betreuung und die notwendige Hilfe wird ebenfalls bei Belästigung durch den Täter oder Dritte gewährleistet. Demnach erfolgt dann die Anzeige bei der Polizei oder es wird ein Umgangsverbot erwirkt.

Die Arbeit eines Opferanwaltes zeigt sich sehr vielfältig und verlangt vor allem Sensibilität im Umgang mit den Opfern. Schon im Erstgespräch muss der Anwalt gut zuhören können und sich durch vorsichtiges Fragen an den Sachverhalt herantasten. Er muss versuchen, das Opfer so gering wie möglich zu belasten um eventuell vorhandene Schuldgefühle abzubauen.

Bei der Vernehmung durch den Staatsanwalt ist das Opfer ebenfalls nicht auf sich allein gestellt. Der Opferanwalt hat ein Anwesenheitsrecht und kann auch (§ 406 f Abs. 1 StPO) das Recht des Verletzten, Fragen zu beantworten, für diesen ausüben, soweit das Opfer nicht widerspricht (§ 406 f Abs. 2 StPO). Über den Opferanwalt hat das Opfer bereits im staatsanwaltschaftlichen Ermittlungsverfahren das Recht zur Akteneinsicht sowie das Recht, die amtlich verwahrten Beweisstücke zu besichtigen (§ 406 e Abs. 1 StPO).

Im Verfahren selbst hat das Opfer als Nebenkläger das Recht auf ständige Anwesenheit in der Hauptverhandlung, auch wenn das Opfer noch als Zeuge vernommen werden muss (§ 397 Abs. 1 Satz 1 StPO).

Auch kann das Opfer den Richter oder den Sachverständigen ablehnen. Vor allem kann das Opfer aber das Fragerecht und das Beweisantragsrecht ausüben und Erklärungen abgeben.

Als Laie ist es natürlich schwer, sich durch die rechtlichen Vorschriften zu kämpfen und eben auch zurechtzufinden. Die Aufgabe des Opferanwaltes ist es hierbei, dem Opfer beratend zur Seite zu stehen und es durch den Prozess zu begleiten.

Auch Anwälte müssen sich hier immer wieder fortbilden, um den Interessen des Opfers gerecht zu werden. So bleiben z.B. der § 68 Abs. 2 und Abs. 3 StPO oft unbeachtet, obwohl es für die Sicherheit des Opfers erhebliche Vorteile bieten würde, wenn die Zeugenschutzvorschriften angewandt würden. Demnach ist nämlich anstelle des Wohnortes des Opfers auch die Anschrift des Opferanwaltes als ladungsfähige Anschrift möglich.

Der Weiße Ring bietet als gemeinnütziger Verein zur Unterstützung von Kriminalitäten und zur Verhütung von Straftaten e.V. Fortbildungsveranstaltungen für Opferanwälte an, wobei die vom Weißen Ring angebotenen Fortbildungsmöglichkeiten bislang leider die einzigen sind.

Es ist nicht so, dass nichts zum Schutze der Opfer getan wird. Auch bei der Polizei werden die Belange der Opfer mittlerweile sehr berücksichtigt. So bemüht sich die Polizei schon seit vielen Jahren, der besonderen Opfersituation soweit als möglich Rechnung zu tragen. Dies kann z.B. heißen, dass Opfer sexueller Gewalt in der Regel durch Angehörige der weiblichen Kriminalpolizei vernommen werden.

Nichtsdestotrotz muss noch in allen Bereichen viel getan werden und man sollte den Blick auf Opfer krimineller Taten keinesfalls vernachlässigen. Die Opfer verdienen nach wie vor Interesse und Zuwendung und eine individuell abgestimmte rechtliche Betreuung durch einen Opferanwalt. Der vorliegende Beitrag hofft zum Aufbau noch bestehender Informationsdefizite zu Fragen des Opferschutzes zu dienen und damit verbunden einen kleinen Einblick in die Tätigkeit eines Opferanwaltes gewährt zu haben.